Lennart Rieder
Materia
Malerei

Xaver Sedelmeier
Primework
Skulptur

März/April 2015

P1090292

P1090316


Lennart Rieder
MATERIA
Malerei

Die Arbeiten von Lennart Rieder sind malerische Konstrukte, prozessorientierte Arbeiten, in denen kunsthistorische Bezüge aufgegriffen und klassische Bildmotive verfremdet werden. Arbeiten in denen stets ein malerischer Diskurs stattfindet, eine Auseinandersetzung des Künstlers mit dem malerischen Moment, in dem der Entwicklungsprozess zum Inhalt seiner Arbeit wird und die innerbildliche Transformation und Zustandsveränderung, eine Konfrontation mit der materiellen Beschaffenheit von Farbe und ihrer Präsenz, aufgezeigt wird. Farbe als Materie als formgebendes Element - das mit einer immer wiederkehrenden Konstruktion und Destruktion der Farbfläche einhergeht.
Lennart Rieder widmet sich der Untersuchung von Oberflächen in seinen Arbeiten. Wenn der Künstler seine Bild-Räume erschafft, erarbeitet er sich meist schrittweise und fast instinktiv seinen Bildraum. Sich entwickelnde, ambivalente Bildwelten, ohne Narration und ohne erzählerische Kontextualisierung, bilden den Kernpunkt seiner Arbeiten, in denen primär der Prozess, demnach das „Abarbeiten“ der Farbe auf Leinwand von Bedeutung ist. Stückweise entwickelt der Künstler dadurch malerische Momente die aufeinander aufbauen und sich dann formal sowie inhaltlich zu einem Ganzen zusammenfügen. Ob dunkle Landschaften, verschmierte Bildsituationen, die meist von vereinzelt hellen Farbakzenten und feinen floralen Formen durchbrochen sind, ob dezente Portraits die sich aus monochromen sich spiegelnden Farbflächen heraus transformieren oder Leinwand-Kuben die sich von der zweidimensionalen Flächen lösen, herausbewegen, sich befreien und Teil der dreidimensionalen uns umgebenden Welt werden.
In summa aber immerfort ein Bearbeiten und Erforschen der Farbe in ihrer materiellen Beschaffenheit und ein Reagieren auf malerische Momente, die stets spontane und intuitive Entscheidungen beim Künstler generieren. Meist pastose Farbsituationen, die sich der farbbeladenen Leinwand zu entziehen versuchen, werden vom Künstler im Moment des Lösens von der zweidimensionalen Fläche in den dreidimensionalen Raum aufgehalten und der Materie, die soviel Stärke und Emanzipation in ihrer kompositorischen Wirkung aufweist, wird dadurch ein klarer Rahmen gesetzt - der Künstler bestimmt den Bildraum, er ist der Entscheidungsträger. Es ist ein bewusstes Aufzeigen der Grenzen von Malerei.

Es ist als schienen Lennart Rieders Arbeiten dadurch auf beharrliche Weise still zu stehen, als befänden sie sich in einem Zeitraffer - ein contrapposto aus Stärke und Zerfall, aus Bewegung und Starre. Der Künstler erarbeitet sich konsequent seine Bildkörper, seine malerischen Bild-Räume, die sich wie fragile, skulpturhafte Objekte aus vielen Schichten und Überlagerungen zusammensetzen - das Prinzip von Konstruktion und Dekonstruktion von Materie.


Bettina Bente

P1090328


P1090339


Xaver Sedelmeier
PRIMEWORK
Skulptur

Zur Ausstellung ist ein Künstlerbuch erschienen


Die zweite Natur der Dinge
Der Stuttgarter Künstler Xaver Sedelmeier wählt allgegenwärtige Dinge aus simplen Materialien veredelt diese durch Metallisierung oder überzieht sie mit hochwertigem Porschelack. Ein Blatt einer Kreissäge, ein Mülleimer, eine Metallleiter – Dinge aus der Werkstatt. Er baut Sitzflächen und Stelen aus Wellblech, jenem Werkstoff, der Abermillionen provisorische Behausungen in den informellen Siedlungen der Welt bedeckt. Durch diese Veredelung und Umnutzung erfahren die Materialien und Gegenstände eine massive Umwertung und gewinnen einen anderen Approach: Wer wirft seinen Müll in einen vergoldeten Mülleimer, wer besteigt eine durch Metallisierung veredlte Leiter? Sedelmeiers Objekte umgibt eine Aura des Unantastbaren, die uns davon abhält, sie ihrer ursprünglichen Bestimmung gemäß zu benutzen. Durch präzise Umgestaltung der Oberflächen werden Alltagsgegenstände zu Objekten der Metaphysik, zu fetischähnlichen, kultisch aufgeladenen Gegenständen, derer man sich nicht ihrer eigentlichen Verwendung nach bedient, da ein Bann sie belegt. Ein handelsüblicher Mülleimer ist Prêt-à-porter, Sedelmeiers vergoldeter Mülleimer ist Prêt-à-disposer. Seine Funktion spielt keine Rolle mehr, sein souveränes Recht auf Anwesenheit umso mehr. Ein Sägeblatt erhält eine Daseinsberechtigung jenseits seiner Nutzbarkeit. Sedelmeier betreibt eine Art Emanzipation der Dinge, jenseits ihrer Verwendbarkeit.
Dieses Verfahren karikiert einerseits unser Verhältnis gegenüber Markenprodukten von Gucci, Apple oder Patek Philippe, wo eine konzipierte Aura die Funktionalität längst in den Hintergrund gedrängt hat. Andererseits rückt diese künstlerische Praktik Sedelmeiers Objekte in die Nähe der Readymades von Marcel Duchamp. Mit einem gravierenden Unterschied: Duchamps Urinal oder Flaschentrockner erhalten ihre zweite Natur als Kunstobjekt durch ihren Standort, das Museum. Sedelmeiers Objekte erlangen diese zweite Natur - unabhängig vom Standort - durch den Lackauftrag. Der Anstrich verschafft ihnen eine Immunität gegen das Nützlichkeitsprinzip und den Pragmatismus der Welt. Näher als an Duchamp stehen die Arbeiten des Stuttgarters folglich den surrealistischen Objet trouvés von Meret Oppenheim, besonders ihrem Werk „Das Frühstück im Pelz“ (1936) – eine Tasse samt Untertasse und Löffel, alle mit Pelz bezogen.
Konsequent treibt Xaver Sedelmeier seine Arbeit an der Entmaterialisierung der Alltagswelt fort. Noch mehr als vorangegangene Werkserien fokussieren diese neuen Arbeiten auf einen überfälligen Wertewandel: vom Nützlichen zum Eigentlichen, vom Haben zum Sein.

Hansjörg Fröhlich