PHILIPP HAAGER
PARAMOUNTSCOPE

November 2013 - Januar 2014


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Fotos: Richard Becker

hier gehts zu den ausgestellten Werken

Paramountscope zeigt Philipp Haagers neuere Arbeiten, die eine Rückkehr zur Reduktion in den Anfängen seines Tuschewerks gleichermaßen mit einbeziehen, wie die ständig konsequente Frage nach der Bedeutung des Bildes an sich: was wir sehen und wie wir sehen; die sich ändernde Natur unseres Blicks.

Der Ausstellungstitel spielt einerseits auf den dramatischen, cineastischen Aspekt seiner großformatigen Bilder an und stellt ferner die Frage nach der visuellen Essenz unserer medialen Wahrnehmung an die Malerei.
Ähnlich z. B. der Doppelbelichtung in der Fotografie oder dem Aufarbeiten und Digitalisieren von altem (Film-)Material hat der Künstler zum Teil ältere, bereits unter anderem Titel und anderem Format ausgestellte Bilder überarbeitet und neu arrangiert.


Paramountscope shows Philipp Haager’s recent works, which incorporate a return to the reduction found in his early ink drawings along with constant questioning of the meaning of the image itself: What we see and how we see, the changing nature of our gaze.
The exhibition title alludes both to the dramatic, cinematic aspect of large-format pictures as well as to an inquiry into the visual essence of our media-attuned perception as reflected in painting.
Similar to double exposures in photography, or the restoration and digitalisation of old (film) material, the artist has reworked what are in some cases older works that have already been exhibited under a different title or in a different format and rearranged them for this show.

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Paramountscope Energie = Materie, vice versa ad infinitum

von Hansjörg Fröhlich

Zuerst ist da nur eine satte weiße Fläche. Je nach Lichteinfall zeichnet sich auf ihr die Textur der Leinwand ab. Betrachtet man eine Stelle länger, löst sich der Eindruck von Schärfe auf, geht der Fokus auf das Material verloren und weicht einem wolkigen, milchigen Weiß. In der Luftschicht knapp oberhalb des Gewebes passiert Wundervolles: Wie in einem Plasma stoffwechseln dort Energien. Wer das Auge immer noch ruhig hält, sieht jetzt zarte Gelbtöne, mildes Lindgrün, ein fragiles Beige, ein flüchtiges Rosa. Dieses Spektrum stofflich nicht vorhandener Farben entsteht durch Wechselwirkungen zwischen Materie und Energie auf der Oberfläche von Philipp Haagers großformatigem Gemälde Abstract Painting No.1/White.

Vor circa 15 Jahren haben amerikanische Forscher zum ersten Mal Energie in Materie umgewandelt, also praktisch eine Atombombenexplosion rückwärts ablaufen lassen. Die Ausbeute der dabei entstandenen Materie war allerdings verschwindend klein – gerademal 200 Elementarteilchen. Dennoch hatte das Experiment hohen symbolischen Wert, wurde dabei doch der physikalische Schöpfungsakt, der Big Bang, im Kleinen nachgespielt. Beide Transformationen haben ein Ziel: Bei der nuklearen Explosion entsteht aus Material Energie; beim Big Bang wird Energie absorbiert und in Materie verwandelt. Interessanter als diese Endergebnisse ist jedoch das Dazwischen, der Moment des Übergangs von einer Form in die andere. Haager hält genau diesen Zwischenbereich fest, lässt Materie und Immaterielles unablässig ineinander übergehen. Ein Entstehen und Vergehen im Open-End-Modus.

Dazu braucht der Stuttgarter Künstler neben viel Geduld ein sicheres Händchen im Umgang mit dem gesteuerten Zufall. Denn die Nährböden für oben beschriebenes Wechselspiel liegen in den Tuscheschichten, die von Haager in einem zeitraubenden Verfahren hergestellt werden. Der Wechsel von Auftragen und Trocknen, das Spiel mit Opazität und Transparenz, von Sättigung und Verknappung kennt keine Rezepte, sondern gleicht ein wenig der Magie.
Sind alle Elemente gut austariert, entsteht eine delikate Balance aus Intention und Expression. Dann ist so ein Gemälde fertig und der Alchemist gibt es aus seinen Händen. Auf Haagers Oberflächen weht nun ein Wind, und doch regt sich im Raum kein Lüftchen. Denn es ist ein Sonnenwind, ein Gemisch aus Partikeln und reinem Licht, das unablässig aus den Tiefen der Tuscheschichten aufsteigt und wieder in sie abtaucht. Generationenaltes Licht ist das, die Seele längst zerfallener Materie – und die Ahnung künftiger Materien zugleich.

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Paramountscope zeigt Philipp Haagers neue Arbeiten, die eine Rückkehr zu den Anfängen seines Tuschewerks vollziehen und doch die konsequente Weiterentwicklung seiner Bildauffassungen verkörpern. Im Vergleich zu den Gemälden aus den Vorjahren hat Haager Dichte und Schichtung zurückgefahren, konzentriert sich wieder auf Tusche und Leinen, will basic sein und erzielt durch diese Reduktion noch größere Klarheit und daher eine gesteigerte Impulsivität des Ausdrucks. Erstaunlich wirkt diese Prägnanz gerade für Kenner des Schaffensprozesses des Künstlers: Sein „offener Umgang mit den Bild“, also seine Einsicht keine geplanten Bildinhalte erzwingen zu können, sondern diese im „Zwiegespräch“ mit der Leinwand auszuhandeln. Interventionen gezielter Art kommen dann später. Etwa Verläufe von Blau am oberen und unteren Bildrand, die den Gemälden einen erleichterten Anschluss an den sie umgebenden Raum ermöglichen. Haagers neue Ästhetik erschließt sich eindrücklich an den Überarbeitungen seiner Hochformate aus 2008. War z.B. Massiv Black in sich sehr geschlossen, streng, ja, „pietistisch“, wirkt nun die neue Version offen, leicht und kommunikativ. Dieser Wesenswandel ist für den Künstler Zeichen eines neugefassten „Vertrauens in die Normalität“. Das Geheimnisvolle, Mittelalterliche und „abgrundtief Mystische, sind eh´ in mir“, was ihn jetzt interessiere, sind „neue Facetten“ und vor allem „mehr Licht“. Dies ist den nun ausgestellten Arbeiten anzusehen, die in einer ergiebigen Schaffensperiode im Sommer 2013 entstanden sind, „als ich 14 Stunden weißes (Tages)Licht nutzen konnte“. Diese neue Helligkeit gipfelt im eingangs beschriebenen Abstract Painting No.1/White. Das 150/140-Format entstand durch die Übermalung eines monochrom schwarzen Bildes – ein zwei Jahre lang stetig wiederholter Weißauftrag war hierfür notwendig.

Große Beobachtungszeiträume ermöglichen die Untersuchung komplexer Fragen. Wie jene, nach den „Grenzen und Fähigkeiten des menschlichen Sehens“, und dem diffizilen Nebeneinander von natürlichem Erblicken und medial geprägtem Erfassen der Welt. „Was kann Malerei, was andere Medien nicht können, vice versa“? Was machen Tablets, Touchscreens und Full-HD mit unserem Sehen und wie scharf umrissen ist dieser Sinneseindruck überhaupt noch, wenn wir doch wissen, dass z. B. die Bilder des Hubble-Weltraumteleskops zusammengesetzt, eingefärbt, also designet sind? „Wir werden nie die Stofflichkeit einer kosmischen Gaswolke ergründen“, gleichwohl sehen wir in diesen NASA-Aufnahmen Aspekte unserer Welt, die wir ohne Digitalisierung nie sehen würden. „Das verändert massiv unser Selbstverständnis“ meint Haager – „wahrscheinlich noch wesentlich stärker, als es das berühmte erste Foto der Erde aus dem All (blauer Planet) vermochte“ könnte man hinzufügen.

Auch die Nanotechnologie erweitert unseren Blick. Wir dringen visuell in unser Innerstes vor, beobachten Vorgänge, von denen wir nicht einmal theoretisch eine Vorstellung hatten, die aber, trotz ihrer Mannigfaltigkeit, auf einer Fläche von einem Bruchteil eines Quadratmillimeters stattfinden. Die Winzigkeit dieses nun durch digitale Technologie beobachtbar gewordenen Raums, erneuert die Frage nach der Natur unseres Blicks: Sehen wir da etwas auf der Basis von Licht – oder auf der Basis animierter Daten? Die Digitalisierung hat die alte Frage, ob Licht Teilchen oder Welle ist, noch einmal neu aufgeworfen. Philipp Haager hat sich vorläufig für ein sowohl/als auch entschieden. Auf seinen neuen Gemälden jongliert er virtuos mit diesem Dualismus.

(Alle Zitate stammen aus einem Gespräch mit dem Künstler im Oktober 2013)

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Samstag 13 - 16 Uhr
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