Stefan Wieland - Eisen am Himmel

September/Oktober 2015

Nochmal von vorne

Vor etlichen Jahrtausenden ging es los. Eine ungefähre Urmasse teilte sich in unterscheidbare Materie. Wasser und Erde entstand, Kontinentalplatten drifteten durch den luftleeren Raum. Die Richtung war klar: vom Chaos zum Kosmos. Die Umsetzung aber ist fragwürdig, sie bedarf der Nachjustierung. Also hält der Frankfurter Künstler Stefan Wieland (*1970) den Schöpfungsfilm an, spult zurück und guckt, was sich machen lässt.

Wieland geht zurück auf Start. Er ordnet die Welt neu. Lässt mittels farbiger Acrylscheiben die Kontinente neu entstehen. Teilt Himmel und Erde in Bildträger und Oberfläche. Mischt die Schöpfung neu an. Schichtet unterschiedlichste Materialien in kräftigen Farben. Er betreibt ein manisch-fröhliches Re-Design von allem und jedem. Er spielt Gott und bleibt doch Künstler, ruft in Erinnerung, dass die Parameter der Malerei, die Parameter der Genesis sind (vice versa). Ein schwungvoller Pinselstrich (Brushstroke) – die Geste des kreativen Furors schlechthin – materialisiert Wieland als Acrylglasscheibe, die er auf Leinwand oder Sackleinen klebt. Virtuelle Bewegung gerinnt hier zu Real-Starre, Entwicklung gefriert im Moment der Entstehung und dennoch spricht das fertige Werk mit der dynamischen Geste des „from here to infinity!“ Viele der so entstandenen Bilder haben eine geradezu skulpturale Anmutung. Seine Arbeiten sind Malerei, doch Wieland geht vor wie ein Bildhauer....

2015_EAH_SWWS, JBKVHUT und STRUBBELIG 2_View 1

EAH_Show View 15

EAH_Show View 8

.... Oder wie ein Alchemist, der mit Pech und Gold hantiert. Wieland vermengt das Grobe und das Feine, und führt es über zum Akkuraten. Die Grundmaterialien stammen aus unterschiedlichsten Provenienzen. Acrylglas kommt aus dem Design, Epoxidharz findet in der Elektrotechnik und im Modellbau Verwendung und Sackleinen hat eine eindeutig rurale, bäuerliche Herkunft. Oft hinterlässt Wieland Arbeitsspuren: Tackerklammern, Farb- und Klebstoffreste, die auf die Entstehungsgeschichte seiner Bilder verweisen, wie ein Steißbein auf den Affenschwanz, oder die Gehörknöchelchen auf unsere Vergangenheit als Fisch. Betrachtet man eine Serie, wird das Prozessuale in Wielands Arbeiten augenfällig. Jedem einzelnen Stück ist ein Merkmal der Evolution der Serie eingeschrieben. Formen, Flecken, Kleckse gehen von Bild zu Bild. Diese konstanten Merkmale flankieren den Eindruck des Unsteten, so, dass sich die Gesamtwirkung auf ein geordnetes Durcheinander einpendelt. Wielands Malerei ist spontan erfassbar und löst beim Betrachter unmittelbar viszerale Effekte aus. Verstehen hingegen, kann man sie nicht. Die Bildsprache ist rätselhaft, bestimmt von einer freundlichen, offenen, charmanten Kryptik. Formen, Farben und Größen stehen für sich selbst. Sie haben keine Verweisfunktion, ähnlich wie Buchstaben und Satzzeichen in der konkreten Poesie.

Hingegen sind Wielands Bild- und Ausstellungstitel sehr beredt. „Eisen am Himmel“, „Schnell wie die Sonne“, „Gewiss Klecks, warum Feenhaar“, „Am Ende meines kurzen Schattens“ oder „Meiner Auge weiße Haut“ sind bildgewaltige, assoziationsreiche Minigedichte, Haikus die die Arbeiten wie redselige Auren umgeben. Poetische, schimmernde, flackernde Namensgeber, die den unbenannten Zuständen von Materie auf den Leinwänden und Sackleinen, auf den Schulpapieren und Harzplatten narrativen Geist einhauchen, wie ein Täufer dem schreienden Balg.

Das einmal Geschöpfte ist freilich immer auch schon das Erschöpfte; ist also die Grundlage fürs Re-Design. Folglich überarbeitet Wieland ältere Werke, überklebt Epoxidharzplatten mit Acrylglasplatten, nicht um Fehler zu tilgen oder um Aussagen zurückzunehmen, sondern um seine Schöpfungen an die aktuellen Bedingungen anzupassen. Wieland reflektiert Formen in ihrer Auswirkung auf deren zeitlich-örtliches Umfeld. Immer von der historischen Position aus, in der er sich im Moment befindet. Die immer wieder variierten Arrangements arbeiten an der Herstellung von Zeitgenossenschaft. Update für Update baut Wieland an einem temporär gültigen Abbild des Jetzt.

Hansjörg Fröhlich