Thomas Nolden

Blitze leuchten auf, erhellen in sprühenden Funken den Nachthimmel, energetische Prozesse werden sichtbar und tauchen die umgebenden Nachtlandschaften in funkelndes Licht. Durch Blitzlichtgewitter in expressive Farbigkeit getaucht entwickeln Wiesen, Flusslandschaften und dichtes Geäst ein dynamisches Eigenleben, erkunden mal schillernd, mal in bewegten Schatten den Bildraum, schnell, bevor das Licht verlischt.
Dann kehrt Ruhe ein. Große Äste ragen -in diffuses Licht getaucht - in die Nacht, in einen unendlich weiten Raum. Und auch hier ist der Nachthimmel von kurzen strichhaften Bewegungen gezeichnet.
Es ist die Wahrnehmung von kurzen, schnell vergänglichen Momenten in der Natur, die Thomas Nolden fesseln, die er in dynamischen Pinselstrichen auf die Leinwand bannt. Da gehören seine großformatigen Atelierbilder mit Blitzen und Ästen genauso dazu wie seine kleinformatigen Freilichtmalereien, die Landschaften mit Schafen zeigen. Stets lässt er lebendige Bilder der Natur entstehen, die ganz aus der Farbe heraus aufgebaut sind. Schwarz und Weiß übernehmen dabei eine dominante Rolle.
Alles entsteht aus Schwarz und alles verschwindet in ihm, es gebiert Farbe, atmet Licht und erstickt es zugleich. Das Ideal des Schwarzen ist gleichzeitig die Geburt der Farbe, denn von ihm ausgehend kann der Wert der Farbe neu erfunden werden. Ein Kompositionsprinzip von Yin und Yang, von Geburt und Tod, von der Endlichkeit schöpferischer Freiheit und ihrer Endlosigkeit zugleich. In diesem Sinne bedeutet Schwarz nicht Leere, sondern Reduktion auf das Wesentliche. In Thomas Noldens Malerei gewinnt die Konfrontation mit der Farbe Schwarz eine Präsenz, die es erlaubt die Erfahrung auf und in der Oberfläche zu beschreiben und sichtbar zu machen. Denn in dem Moment, in dem sich ein nachtschwarzer Himmel öffnet, unter dem eine Sedimentation von Farbstrukturen liegt, schwingt eine fast romantische Ahnung von Landschaft mit. Weil Noldens in Grautönen erscheinende Oberflächen durch farbige Töne unterlegt sind, entsteht teilweise eine subtile Durchsichtigkeit, die immer wieder Farbakzente durchblitzen lässt, sich aber zunehmend zu einem monochromen Kolorit verdichtet, das die weißen Blitze immer stärker aufleuchten lässt.
Nolden bricht die Farbe bis sie fast nur noch ein Glimmen ist. Dieses Glimmen bildet den malerischen Klang, der sich in der Konfrontation mit dem aus Schwarz und Weiß gemischten Grau hochpotenziert. In diesem besonderen Leuchten ist in komprimierter Form die ganze existentielle Kraft der Farbe enthalten, sie verdichten die elektrischen Blitzfarben zu einem aus Grautönen modellierten Raum. Aus vielen Lagen und expressiven, pastösen kurzen Pinselstrichen wird ein tiefer Farbraum aufgebaut. Die Farbmalerei ist Konzentrat der Naturenergie.
Blitze sind Licht par excellence. Im nächtlichen Dunkel sind sie Bedingung des Sehens. Sehen ist wiederum das eigentliche Thema der Malerei. Im wörtlichen Sinne also verewigt Thomas Nolden in seiner Malerei den „Augen“–„Blick“. Blitze sind energetische Kulmination des Kosmos. Wohl deswegen ordnet das archetypische Denken sie dem Gottvater Zeus zu. Der Mythos amalgamiert also den reflexiven und den expressiven Problemgehalt. Schließlich beinhaltet Noldens Malerei hier doch ein romantisches Moment. Inmitten des Endlichen lässt sie das Gemüt eins werden mit dem Unendlichen.

Katharina Backes