Martin Bruno Schmid


Die Metamorphosen des Banalen

Martin Bruno Schmid ist auf der Suche. Er sucht die Entdeckung im Alltäglichen, das Ungewöhnliche, geschaffen aus Altbekanntem, die Schöpfung in der Idee.
Angetrieben von einem Drang nach kreativer Freiheit wachsen Flechten, Baumrinden, Blätter aus Papier, Moos breitet sich auf dem künstlerischen Nährboden aus. So entstehen in akribischer Arbeit ganze Landschaften von Papiergewächsen, das Material wird seinem natürlichen Ursprung zurückgeführt und erwacht im selben Moment als etwas völlig Neues. Es ist gezeichnet von den beigefügten Verletzungen, der Zerstörung seines Leibs, der nun, übersät mit Löchern und Rissen, wie der Phoenix aus der Asche neu aufersteht. Seine neue Gestalt ist dabei so vielschichtig wie das Material selbst: Licht, Blickwinkel oder Entfernung kreieren immer neue Gewächse. Der materialgewordene Prozess, die Vergänglichkeit des Alltags wird hinter Glas bewahrt und entzieht sich so gleichzeitig der haptischen Wahrnehmung.
Auch Hochglanzmagazine zeigen ein anderes Gesicht, wenn Schmid ihnen mit der Schleifmaschine zu Leibe rückt. Tiefe Wunden, der Verlust des Scheins, die Offenlegung tieferliegender Schichten sind die Folge. Der Abschliff legt den Kern frei, nicht selten bis ins Mark der aufpolierten Lifestyle-Magazine. Dabei verlieren sie aber nicht ihr Gesicht - ganz im Gegenteil: Der trügerische Schein wird abgetragen, sie verlieren ihre Maske, ihre Abdeckung und zeigen offen, was sich dahinter verbirgt. Zurück bleibt nur ein beschämter Hinweis auf den Glanz vergangener Zeiten auf dem Zeitschriftenrücken: Titel, Ausgabe, Datum, Themen, Preis.
Ähnlich schonungslos widmet sich Schmid den Wänden, die er mit unzähligen Bohrungen brandmarkt. Die künstliche Wand ist seine Haut, der Bohreinsatz seine Tätowiernadel. Tausende schmerzhafte Nadelstiche wachsen zu einer Einheit zusammen. Eine Einheit aus dem Bewusstsein der Endgültigkeit, der als seltsam angenehm empfundenen Genugtuung des Schmerzes und der Erlösung nach der Fertigstellung. Schmid dringt tief in die makellose Wand ein, reißt sie auf, schmirgelt sie ab und macht sie so nicht zum Träger der Kunst, sondern zum Kunstwerk selbst. Er durchbricht die glatte, unberührte Fläche des Kunstraums und reißt alte Wunden des White Cube wieder auf.
Die Kunstwand wird zur Wandkunst.

Kathrin Dick